Und jetzt hast du Flügel und alles ist leicht…

Ich nehme Abschied

Seit Jahren mache ich mir schon Gedanken zu diesem Thema. Wie wird es sein, wenn meine Eltern einmal gehen. Wie kann ich mich auf diesen Moment vorbereiten? Was kann ich tun, damit es dann leichter ist? Ich fand auf keine dieser Fragen eine Antwort. Ich hatte keine Ahnung wie es werden würde und spürte einfach nur eine lähmende Angst beim Gedanken an diesenTag. Doch weiss ich jetzt, dass es so ganz anders ist, als erwartet. 

Meine Familie und ich mussten vor Kurzem meine Mama gehen lassen. Der grösste und schmerzhafteste Verlust, den ich je erleben musste und über den ich mir im Vorfeld schon so viele Gedanken machte ist ur plötzlich da. Kann es das geben? Kann das wirklich wahr sein?

Der Verlust ist gut zwei Wochen her und die letzten beiden Fragen begleiten mich immer noch und werden vermutlich auch noch lange an meiner Seite sein. 

Meine Trauer, mein Realisieren kommt in Wellen. Dazwischen funktioniere ich. Und das ziemlich gut. Manchmal sogar so gut, dass ich dazu neige ein komisches Gefühl dabei zu haben. «Darf ich denn auch lachen?» «Darf ich denn normal weiter funktionieren?» «Darf ich mich auch in der Öffentlichkeit zu diesem Thema äussern?» 

JA! Alles darf sein, es gibt kein «Richtig» oder «Falsch» und in Situationen die uns absolut neu sind, schon gar nicht. In Filmen sieht man Menschen, die aus dem Weinen nicht mehr rausfinden. Lautes Schluchzen, ein sich Verlieren, ein sich Verkriechen und Verstecken…. Das KANN ein Weg sein, mit Trauer umzugehen, aber es ist in der jetzigen Situation nur ein Teil MEINES Weges. 

«…und jetzt hast du Flügel und alles ist leicht», ist der Spruch, den ich auf die Schleife unseres Trauergestecks drucken ließ. Und ich bin überzeugt davon, dass dem auch wirklich so ist. Die Seele meiner Mama erfreut sich der neuen Möglichkeiten. Von nichts und niemandem wird sie zurückgehalten, sie kann sich nun, frei von ihrem kranken Körper entfalten und aufleben. Nicht hier bei uns auf der Erde, an einem anderen Ort, an dem wir uns hoffentlich wiedersehen werden.

Ich habe es mir in Bezug auf das Mamasein auf die Fahne geschrieben ehrlich zu sein. Alles auszusprechen was so manche Mama vielleicht nicht auszusprechen wagt, weil eine gute Mama nun mal nie überfordert ist, eine gute Mama immer alles im Griff hat…blablablub. Ihr wisst, was für gesellschaftlichen Schrott ich meine. 

Nun, beim Thema Trauer habe ich gespürt, wie ich mich damit verstecken wollte. Ich wollte niemanden damit runterziehen. Diverse Räume nicht mit meiner Trauer fluten. Und mich vermutlich auch nicht so zeigen. „Ich bereichere doch nur mit meiner Fröhlichkeit“, auch so ein Glaubenssatz, den ich an dieser Stelle verabschieden möchte.

Und dann sagte man mir: «Mach das bitte nicht. Füge dich nicht dem vermeintlichen Tabu, denn auch das will in die Welt getragen werde.» Danke Mirjana <3

Und es stimmt. Jeder von uns wird Trauer auf irgendeine Art und Weise einmal erleben und jeder darf anders damit umgehen. Ich habe in den letzten Wochen geweint, gelacht, funktioniert, mich ohnmächtig gefühlt, sicher auch verdrängt und ganz oft war ich einfach nur wie immer. Ich freute mich über Alltagssituationen, war dankbar, wenn man ganz normal mit mir geredet hat. Habe es genossen auch mal einen Scherz anzubringen…. ich habe Normalität genossen. Oftmals spürte ich die Blicke der anderen. Beobachtende, unsichere Blicke. Genau solche Blicke, wie sie im umgekehrten Falle auch von mir da gewesen wären.

Wir sind doch allesamt mit solchen Situationen überfordert und wissen nicht, was wir tun sollen. Wie wir reagieren sollen. Und das ist in Ordnung. Solange wir nicht urteilen, ist das alles in Ordnung. Und damit meine ich auch, sich selbst nicht zu verurteilen. Ich habe dies nicht getan, aber war doch ab und zu mal nahe dran zu hinterfragen, ob das denn normal sei, so zu funktionieren? Und ich kam zum Schluss, dass es das für mich ist. Solange ich aufhöre zu verdrängen, und auch die tiefe Trauer zulasse, die immer wieder wie eine Welle über mich kommt, solange darf ich auch den Alltag geniessen und mich der Normalität erfreuen. Das fühlt sich für MICH richtig an.

Momentan, nachdem ich nach der Verabschiedung meiner Mama Wien wieder verlassen musste, befinde ich mich in einem Wellental. Schwere liegt über und in mir und ich realisiere. Ich realisiere den Verlust meiner Mama. „Eine Mama geht immer zu früh“ Es tut weh. Ich weiss, dass es für sie eine Erlösung ist, doch mein Vater ist nun alleine. Ich möchte meine Geschwister dabei unterstützen für meinen Vater da zu sein. Ohnmacht macht sich immer wieder breit. Doch ich weiss, dass diese Welle vielleicht schon morgen wieder den Wellenberg erreicht, ans Licht kommt und ich mich leichter fühlen werde dürfen. Bis die Welle wieder bricht und die Trauer wieder Einkehr halten darf. Ich bemühe mich, alles zuzulassen, möglichst wenig zu verdrängen. Sowohl die Trauer, als auch die Fröhlichkeit. 

Gut und Böse, Schwarz und Weiss, Trauer und Freude …das eine braucht das andere. Es ist gut so, wie es ist. 

Mama, ich liebe dich…immer. Mama, du bist bei uns…immer!

Und jetzt hast du Flügel und alles ist leicht.

17 Antworten auf „Und jetzt hast du Flügel und alles ist leicht…“

  1. Meine Liebe, mein herzlichste Beileid in dieser schweren Stunde/ diesen schweren Stunden! Ich kann es so gut nachempfinden. Auch ich musste meinen Vater viel zu früh verabschieden (mit 15). Und ich habe auch immer diese Gedanken, dass meine Mom hoffentlich nie gehen wird. Aber auch mich wird dieses Schicksal irgendwann erteilen. Danke, dass du Vorreiterin bist und zeigst, dass man auch damit offen umgehen darf und kann! Alles darf sein! Vielen lieben Dank dir. Fühl dich gedrückt 😘

    1. Wow. In so jungen Jahren ist das nochmal ein ganz anderer Verlust. Man ist selber noch so fragil, noch so gar nicht bei sich! Doch eines bin ich mir sicher: Man geht gestärkt aus so einer Situation raus. Danke für deine Zeilen Daniela! <3

  2. Liebe Nani!!!
    Mein herzliches Beileid!!!
    🌈🌠☀️
    Denk an dich und lass dich drücken!!! Bei deinen Zeilen kullern mir grad die Tränen über die Wangen. Mein „kleiner“ Lorenz fragt:“ Was is los Mama?“
    Ich versuch es ihm zu erkären. Er meint: „Jetzt geht’s ihr sicher gut! Und wir kommen ja eh alle auch nach ….“ 😭🙏♥️…und ja ich fürcht mi vor dem Tag wo meine Mama gehen wird!!!! Bussi Bettina
    Hab dich lieb!!!!

  3. Mein herzlichstes Beileid liebe Nani!!!
    Ich habe auch schon kurz mit Dani geschrieben und auch Xandi mein Beileid ausgesprochen…
    Ich kenne deinen Schmerz, mein Vater ist letztes Jahr ebenfalls verstorben 😔
    Auch wenn es für denjenigen eine Erlösung ist, die Trauer, der Schmerz ist dennoch größer und das Unfassbare zu begreifen, eine riesen Herausforderung…

    Dennoch… ihr geht es jetzt besser, sie hat keine Schmerzen mehr und ist nun der Schutzengel für deine Kinder ❤️
    Fühl dich umarmt… es wird auch irgendwann für dich leichter ❤️

    1. Hach Silke. So ein Verlust ist so unglaublich schmerzhaft und doch werden wir gestärkt aus dieser Situation rausgehen. Und die Sicherheit, dass es ihnen nun besser geht, macht es leichter. Bald wird der Schmerz leichter werden und die Erinnerungen stehen über Verlust. Ganz sicher! Danke für deine Zeilen!

  4. Ach Nani,….. Es tut mir soo unendlicheid!!! Sehr sehr traurig!

    Du bist eine so starke Frau…. Ehrlich wahr!
    Allein diese so schönen Zeilen die du da geschrieben hast.
    Bleib so positiv und fröhlich wie Du es schon bist. Das hilft Dir sicherlich in dieser schweren Zeit.
    Deine Mama ist nun dein Schutzengel und begleitet dich und schenkt dir sicher viel Kraft!

    Umarme Dich ganz fest Nani.
    Alles Alles Gute und ganz viel Kraft für Dich und deine Familie.
    Liebe Grüße Sabine mit Familie.

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